Steile Thesen und ein Mord

„Der Kölner an sich ist nicht oberflächlich“ – Steile Thesen wie diese sind gefallen im Gespräch mit der Schriftstellerin Greta von der Donau (alias Ulrike Anna Bleier) und dem Liedermacher Gunther von der Weiden. Das Ehrenfelder Künstlerduo spricht über Mord an Rosenmontag, das Ankommen als „Imi“ in der Stadt und finstere Läden mit komischen Namen.

Ihr seid beide „Imis“, also Zugezogene. Gunther, wo kommst du her?

Gunther von der Weiden: Ich komm‘ ursprünglich aus Saarbrücken, hab in Kiel studiert, dann in Frankfurt in einer Werbeagentur gearbeitet und hatte dann ein Jobangebot aus Köln. Das war im Jahr 2000. Aber ich wollte vorher schon immer hierhin.

Warum?

Gunther von der Weiden: Ich hab als Jugendlicher oft BAP gehört und Böll gelesen. Das hat mich geprägt. Mit 20 oder so war ich dann das erste Mal in Köln. Niedecken hat ja mal vom „Millionendorf am Rhein“ gesungen. Genauso ist es. Das heißt, du hast eine Metropole hier. Aber in Ehrenfeld zum Beispiel ist es gleichzeitig wie im Dorf: Wenn du in die Kneipe gehst, wirst du gegrüßt und kennst irgendwann jeden.

Eines Tages warst du dann nicht mehr Tourist, sondern Kölner. Wie war der Start?

Gunther von der Weiden: Das erste halbe Jahr konnte ich mit Köln gar nicht so viel anfangen, weil ich rund um die Uhr gearbeitet habe. Dann habe ich die Notbremse gezogen, gekündigt und arbeite seitdem freiberuflich. Als ich dadurch ein bisschen Zeit hatte, ging das mit dem Ankommen erst los. Weil ich auch wieder mehr Zeit für meine Musik hatte.

Deine Musik hat dir geholfen, anzukommen?


Gunther von der Weiden:
Ja. Ich spiele Akkordeon, Gitarre und andere Instrumente seit ich ein Kind bin. Aber aufgetreten bin ich tatsächlich das erste Mal in Köln. 2001 im „L“. Das ist eine Kneipe hier in Ehrenfeld.

Ulrike Anna Bleier:
Das wusste ich ja gar nicht. Das „L“ gibt‘s ja ganz lange schon. Das heißt deshalb „L“, weil es früher in der Lindenstraße war. Dann ist es rumgezogen und ist jetzt schon lange in der Hüttenstraße. Es müsste eigentlich „H“ heißen.

Wie würdet ihr das „L“ beschreiben?


Gunther von der Weiden:
Ach, das ist so…

Ulrike Anna Bleier:
…finster.

Gunther von der Weiden: Ein finsterer Abhängschuppen.

Ulrike Anna Bleier: Ursprünglich war es ein New-Wave-Laden. Alles war schwarz-weiß und ich glaube, man konnte nur stehen. Es gab keine Tische, nur eine Theke. Jetzt ist es eher ein Punkladen, würde ich sagen. Und als man noch Rauchen durfte… Das war…. Also wirklich: Du bist reingekommen und hast eigentlich nichts mehr gesehen.

Gunther von der Weiden: Du brauchtest also selber nicht mehr Rauchen. Die Kneipe hat für dich geraucht.

Und da bist du mit deinem Liedermacher-Programm aufgetreten?

Gunther von der Weiden:
Irgendwann hab ich den Wirt kennengelernt und hab gesagt „Kann ich auch mal hier spielen?“ Und der sagte „Ja, mach.“ So kam das.

Ulrike Anna, wo kommst du ursprünglich her?

Ulrike Anna Bleier:
Ich bin aus Regensburg, genau wie Köln „die schönste Stadt Deutschlands“. Nur da stimmt’s wirklich: Es gibt eine komplett erhaltene mittelalterliche Innenstadt. Aber als ich weggegangen bin, war es gerade ziemlich marode, erst später wurde saniert. Ich bin jedenfalls sehr früh, mit 17, von zu Hause ausgezogen und von der Schule geflogen.

Was muss man machen, um in Regensburg von der Schule zu fliegen?

Ulrike Anna Bleier: Ich bin halt nur ab und zu hingegangen. Zwischendurch bin ich nach Frankreich getrampt, nach Portugal und Spanien. Ich habe mir die Welt angesehen und fand Schule doof.

Wie bist du in Köln gelandet?

Ulrike Anna Bleier: Auf einer dieser Reisen habe ich eine Frau aus Bochum kennengelernt. Sie hat mich dann in den Weihnachtsferien – mittlerweile ging ich zur Erleichterung meiner Eltern wieder zur Schule – nach Bochum eingeladen. Und ich hatte eine Schulfreundin, die war zur gleichen Zeit in Köln. Die hab ich dann auf dem Rückweg besucht. So bin ich das erste Mal hierhergekommen.

Wie war dein erster Eindruck?

Ulrike Anna Bleier: Ich bin am Hauptbahnhof einfach irgendwo rausgegangen und bin am Breslauer Platz gelandet. Da war eine Telefonzelle, aus der ich meine Freundin angerufen habe. Sie sagte: „Geh wieder durch den Bahnhof, auf die andere Seite und da hol‘ ich dich ab.“ Ich geh also raus auf der anderen Seite und denke noch „Wo ist denn jetzt eigentlich der Dom?“ Und plötzlich sehe ich ihn und habe das Gefühl „Boah, der fällt auf mich drauf“. Ich war total beeindruckt von dieser Größe und Nähe. Ich war sofort angefixt von der Stadt, auch durch die Ähnlichkeit zu Regensburg: Ein Dom, ein großer Fluss…

Wie ging es weiter?

Ulrike Anna Bleier: Als ich das Abitur hatte, lebte eine ehemalige WG-Mitbewohnerin in Köln und der hab ich geschrieben „Du, ich zieh‘ vielleicht auch nach Köln, ich besuche dich.“ Die wohnte in der Gerolsteiner Straße, im vierten Stock. Wir hatten uns ein Jahr nicht mehr gesehen und sie rief mir schon durch‘s Treppenhaus zu: „Ich hab schon eine Wohnung für dich.“ Ich wollte mir die Stadt eigentlich nur angucken. Und dann bin ich zurückgefahren und hatte schon einen Mietvertrag.

Wo und wie seid ihr beiden euch zum ersten Mal begegnet?

Ulrike Anna Bleier: In einer Kneipe, die gibt’s nicht mehr.

Gunther von der Weiden: Im „Rombeck’s“.

Ulrike Anna Bleier: Genau. Beim Venloer Straßenfest. Wir hatten beide einen Kumpel, der hat Instrumente repariert in einem Laden namens „Musikchirurgie“. Den Laden gibt’s auch nicht mehr. Der Eddi saß jedenfalls zwischen uns und hat gesagt „Hey, ich muss euch mal bekannt machen miteinander.“ Und dann haben wir relativ schnell angefangen, gemeinsame Programme zu machen, mit Literatur und Musik.

Ihr lebt beide seit mindestens 15 Jahren in Ehrenfeld, beziehungsweise Neuehrenfeld. In letzter Zeit wird die Gegend etwas gehyped, findet ihr nicht?

Ulrike Anna Bleier: Wie Viertel wahrgenommen werden, kann sich so schnell ändern. Als ich 1996 hierher gezogen bin, hieß es noch „Spinnst du?“. Ehrenfeld galt nicht als gute Gegend. Ich habe erst auf der Subbelrather Straße gewohnt und da ist vor unserem Haus an Rosenmontag tatsächlich jemand erschossen worden.

Welche Veränderungen habt ihr in den letzten 15 Jahren in Ehrenfeld wahrgenommen?

Gunther von der Weiden: Früher war ja auf der Venloer ab dem Gürtel stadtauswärts eher nichts los. Heute sind da Cafés und Shisha-Bars, es gibt Außengastronomie und die Leute flanieren.

Ulrike Anna Bleier: Bis hier früher die Straße repariert wurde, das hat Jahre gedauert. In Lindenthal wurde immer sofort alles schön gemacht und über Ehrenfeld hat man, glaube ich, lange gedacht „Hier leben Leute, die beschweren sich nicht.“ Das hat sich gebessert.

Du bist unter anderem Schriftstellerin. Wie hat die Stadt dein Schaffen beeinflusst?

Ulrike Anna Bleier:
Als ich nach Köln kam, hätte ich mit dem Schreiben fast aufgehört. Ich bin dann aber über jemand anderen ins Literaturatelier, eine Autorengruppe, gekommen. Das war für mich wichtig. Vorher habe ich oft ironisch über mein Schreiben gesprochen. So, als wäre das nix. Das hat sich im Austausch mit den anderen Autoren im Literaturatelier gebessert und das war ganz entscheidend.

Gunther von der Weiden: Verständlich, denn natürlich willst du als Künstler Rückmeldung haben. Du willst, dass Leute auf dein Material reagieren.

Wie reaktionsfreudig ist denn das Kölner Publikum?

Gunther von der Weiden: Schon sehr. Ich hab‘ mal im „Connection“ gespielt, das ist auch so eine Kneipe hier in Ehrenfeld. Und da haben am Ende alle mitgesungen. Ich habe eine Aufnahme davon, die ist schon ziemlich cool. Oder ich habe hier beim Edelweißpiraten-Festival mitgespielt, das war auch ziemlich toll.

Ulrike Anna Bleier: Es gibt tolles Publikum. Aber Köln kann gleichzeitig sehr stiefmütterlich mit seinen Künstlern sein. Ich wünsche mir mehr Multiplikatoren, gerade auch für die ernsten Sachen.

Das Publikum ist dir also zu oberflächlich?

Ulrike Anna Bleier: Der Kölner an sich ist nicht oberflächlich. Aber in Köln ist das Brauchtum halt auch Kultur und nimmt sehr viel Raum ein. Man vergisst oft, dass Kultur nicht nur zum Schunkeln ist, sondern manchmal eben auch anstrengend ist. Dabei gibt es so wahnsinnig viele großartige Sachen.

Zum Beispiel?

Ulrike Anna Bleier: Das Künstlerinnen-Duo „Katze und Krieg“ gefällt mir sehr. Die machen Performances im öffentlichen Raum, mit einem unglaublichen Selbstbewusstsein. Das ist atemberaubend.

Weitere Informationen:
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