Jan Walger über seine Reise ins Unbekannte

Reise ins Unbekannte

Jan Walger aus Ossendorf sammelte im Ausland wertvolle Erfahrungen

„Ein Jahr lang habe ich in Coimbatore gelebt, einer Stadt im Süden Indiens mit mehr als 1,5 Millionen Einwohnern, von der ich bis dahin noch nie gehört hatte. Wenn du einen Schüleraustausch über einen Rotary Club absolvierst, wirst du ermutigt, dich nicht nur für Länder zu bewerben, die bei vielen Austauschschülern sehr begehrt sind. Das finde ich rückblickend gut, ich hätte sonst nicht so viel Neues kennengelernt.

Ich war 15 Jahre alt und damit noch sehr jung für einen einjährigen Schüleraustausch. Während des Jahres habe ich bei drei Gastfamilien gelebt. Das war so vorgesehen, um die Möglichkeit zu haben, das Alltagsleben in Familien aus verschiedenen Perspektiven zu erleben. Auf diese Weise habe ich sowohl bei Einheimischen als auch Familien gelebt, die aus anderen Teilen Indiens zugezogen waren, andere Muttersprachen hatten und unterschiedlichen Glaubensrichtungen des Hinduismus angehörten. Gesprochen habe ich Englisch und ein paar Sätze Tamil. Bei der dritten Familie habe ich mit der Großmutter in einer Wohnung gelebt. Wir hatten keine gemeinsame Sprache, haben uns jeden Tag mit Mimik und Gestik verständigt.

„Wie ein Sprung ins kalte Wasser“

Meine Ankunft war wie ein Sprung ins kalte Wasser. Noch bevor meine erste Gastfamilie mir ihr zu Hause zeigte, sind wir in ein Kinderheim gefahren, in dem sich die Familie engagierte. Wir brachten Süßigkeiten und viele Kinder kamen auf uns zugelaufen. Deren Freude zu sehen hat mich bewegt. Es lebten aber auch Kinder mit Behinderung dort, die konnten nicht auf uns zukommen. Es ist schwer zu beschreiben, aber das war fast zuviel für mich.

Danach hat sich der Alltag langsam eingependelt. Coimbatore ist keine Touristenstadt, eher eine Industriestadt mit vielen Webereien und Ziegeleien. Ich bin zur Schule gegangen und habe meine Wege in der Stadt bewusst meistens mit dem Bus zurückgelegt. So kommt man der Gesellschaft im wahrsten Sinne des Wortes am nächsten. In der Rushhour kann es sehr beengt werden.

Natürlich war ich ein Exot, der oft angeguckt wurde. Ich habe anfangs auch Fehler gemacht, zum Beispiel kurze Hosen und T-Shirts zu tragen. Der Dresscode schreibt Männern Hemden und lange Hosen vor, egal bei welcher Temperatur. Als ich das endlich herausgefunden hatte, wurde ich gleich ganz anders behandelt.

Nach dem Abitur bin ich noch einmal nach Indien gereist und habe acht Monate Öffentlichkeitsarbeit für eine nichtstaatliche Wohltätigkeitsorganisation gemacht. Sie unterstützt unter anderem Menschen dabei, sich Existenzen in der Landwirtschaft aufzubauen. Ich habe darüber einen Dokumentarfilm gedreht, mit dem sich die Organisation bei der indischen Regierung um mehr Unterstützung beworben und Fortschritte gezeigt hat.

Aufgewachsen bin ich in Ossendorf. Bodenständig und sehr umweltbewusst, so würde ich meine Familie beschreiben. Meine Eltern sind evangelisch. Ich gehe zwar auch in die Kirche, aber ich habe nicht so einen starken Bezug dazu. Seitdem ich in Indien war, habe ich mehrere kleine Talismane, wie diesen (s. Foto). Es sind Darstellungen des Gottes Ganesha. Er bedeutet Glück und Zufriedenheit für mich, und beides habe ich gerne um mich.“

Jan Walger ist 20 Jahre alt und studiert Georessourcenmanagement. Sein Ziel ist, in der Entwicklungszusammenarbeit tätig zu sein.